Noris Kapitel 2

Der rasende Noris

Erst vor ganz, ganz kurzer Zeit sahen die Nürnberger einen unerwarteten Fahrgast in der Tram sitzen. Obwohl er ihnen sehr vertraut ist, ist es doch ein überraschender Anblick, einen Geist in der Tram fahren zu sehen. Denn eigentlich kann er fliegen, ist schneller als jeder Zug oder jedes Auto, und trotzdem sitzt er da – Noris, der Geist von Nürnberg. Verträumt sitzt er in der Tram, blickt aus dem Fenster und sieht wie seine Stadt langsam an ihm vorbeifährt.

Warum saß er da? Das fragten sich die Nürnberger. Sie wussten, er prahlt nicht mit seinen außergewöhnlichen Geisterfähigkeiten. Aber dies war trotzdem keine Erklärung, warum er über mehrere Wochen und Tage in der Tram saß, immer zur Dämmerung, dieser besonderen Zeit, wenn sich Tag und Nacht überlagern und sich der Himmel über dem Plärrer bunt färbt, manchmal rötlich und gelblich, manchmal bläulich und violett. Am Plärrer war es auch, als das Mädchen mit dem hippen Retrorucksack auf Noris traf und ein ganz besonderes Gespräch mit ihm begann.

Die Tram war sehr voll, die Türen noch offen, das Mädchen mit dem Retrorucksack blickte um sich: schnelle Schritte, laute Ohrenstöpsel, nervös blinkende Smartphones, Einkaufstaschen, Sportrucksäcke, Lederschuhe und dazwischen eine kleine Fliege, ja, eine völlig normale Stubenfliege, die sich irgendwie in die Tram verirrt hatte. Gemütlich krabbelte sie eine Fensterscheibe hoch, völlig gelassen, von dem Trubel um sie herum bekam sie aber auch wirklich nichts mit. Die junge Nürnbergerin fand die Fliege sofort sympathisch und setzte sich schnell auf einen freien Platz an diesem Fenster. Und genau in diesem Moment sah sie ihn, Noris. Genaugenommen sah sie zuerst sein Spiegelbild. Sein weißes Geistergesicht spiegelte sich in der Fensterscheibe. Ja, ihr gegenüber saß tatsächlich Noris und blickte nach draußen. Durch die Spiegelung wirkte es so, als gäbe es ihn doppelt. Nur die kleine Fliege, die tiefenentspannt über sein Spiegelbild krabbelte, erinnerte sie daran, dass es Noris nur einmal gibt – nämlich genau vor ihr sitzend in der Tram.

»Noris«, sagte sie mit leiser Stimme und zupfte an einer Schnur ihres Rucksacks auf den Knien.

»Ja.«

»Warum bist du hier?«

»Es ist schön hier.«

»Ich meine, warum sitzt du abends hier so oft?«

»Da kann ich rasen.«

»Rasen? So schnell ist die Tram auch wieder nicht.«

»Das meine ich auch nicht.«

Die Fliege krabbelte weiter über das Spiegelbild von Noris. Die Tram war inzwischen losgefahren und schlängelte sich elegant an der Stadtmauer entlang. Das schwache Licht der Dämmerung tauchte Nürnberg in ein geheimnisvolles Licht. Es wirkte, als könnte gleich irgendetwas Unerwartetes passieren. Doch das nahm das Mädchen nicht wahr. Denn es überlegte.

Da kann er rasen! Was Noris damit wohl meinte? Das fragte sich die junge Nürnbergerin während sie die Schnur ihres Rucksacks um ihren Zeigefinger drehte. Sie wollte selbst nachdenken. Unbedingt wollte sie dieser rätselhaften Aussage auf die Spur kommen. Deshalb unterbrach sie das Gespräch. Noris merkte dies und blickte wieder zufrieden nach draußen. Die Tram fuhr inzwischen an einem breiten Fahrradweg entlang, auf dem reger Betrieb herrschte. Die Fahrradlichter schwirrten wie Glühwürmchen durch die Dämmerung. Manche Fahrräder waren sogar schneller als die Tram. In der Tram herrschte eine unruhige Atmosphäre des Wartens. Schnelle Blicke, nervöses Beinewippen, hektisches Smartphonewischen. Nur die Fliege krabbelte zeitlupenlangsam über das Spiegelbild des Geistes. Und das Mädchen grübelte und grübelte.

 

Wie kann Noris rasen? Er sitzt doch regungslos da? Und die Geschwindigkeit der Tram kann er auch nicht meinen. Noris fliegt selbst viel, viel schneller. Wie kann er also rasen? Was meint er damit? Vielleicht erinnert ihn die Tram an etwas? Vielleicht etwas Historisches? An den Adler vielleicht? Der war doch schnell. Nein, nicht der Vogel. Die Dampflock „Adler“ natürlich. Die erste Eisenbahn Deutschlands. Die zwischen Nürnberg und Fürth. Das war eine Geschwindigkeitsrevolution, damals. Das war im Jahre 1835. Vielleicht erinnert er sich an den Adler? Immer wenn er in der Tram sitzt? Und so rast er. Ja, ganz bestimmt! Viele Nürnberger erzählen doch diese Geschichte über Noris wie er damals die Jungfernfahrt verpasst hatte. Wie ging die Geschichte nochmal? Da war etwas mit einem Kanonenschuss. Ja, genau! Bei der Eröffnung der Strecke wurden Kanonen gezündet. Zur feierlichen Eröffnung. Aber Noris war von dem lauten Knall so erschrocken. Er vergaß tatsächlich, in die Wagons einzusteigen. Ja, so wird es erzählt. Weil der Schuss so laut war, hatte Noris die erste Fahrt verpasst. Am nächsten Tag hat er es natürlich nachgeholt. Da war auch weniger los. Das fand er viel besser. Denn am ersten Tag standen viel zu viele Leute neben den Gleisen. Manche hatten damals sogar Angst vor dem dampfenden Ungetüm. Es schnaubte und ratterte. Es klang wie ein tiefer, metallener Husten. Da kann man sich schon einmal fürchten. Vor allem, wenn man nur Pferdekutschen kannte. Andere aber staunten mit offenen Mündern, sie waren von der Geschwindigkeit begeistert, 35 Kilometer in der Stunde. Eine Revolution! Das war früher schnell. Enorm schnell. In 15 Minuten vom heutigen Plärrer bis zur heutigen Fürther Freiheit. Wow! Viel schneller als die Pferdekutschen. Die hatte man ja damals, im Jahr 1835. Das war etwas. So schnell! Und dann auch noch 200 Fahrgäste in 9 Wagons. Sein Geistergewand wehte auf den Sitzplätzen der offenen Wagons. Ganz bestimmt erinnert sich Noris an diese schnelle Fahrt.

Das Mädchen mit dem Retrorucksack war sich nun sicher. Noris musste sich an den Adler erinnern. Stolz lächelte es Noris an. Mit sicherer Stimme fragte es: »Denkst du an den Adler? Die Erinnerung an ihn, sie lässt dich rasen, oder?« Noris blickte auf und grinste geheimnisvoll. Und ebenso geheimnisvoll sprach er weiter: »Ja, das ist es – beinahe. Aber es ist nicht nur der Adler. Es ist noch mehr, viel mehr. Alles überlagert sich. Siehst du es? Und außerdem rase nicht nur ich, auch du rast!«

Das Mädchen blickte ihn an. In ihren Augen waren zugleich voll Stolz und Verwunderung. Und wieder begann die junge Nürnbergerin zu grübeln. Dabei verschränkte sie ihre Arme auf ihrem Rucksack und blickte wieder nach draußen. Die Fliege krabbelte und kratzte sich. Die Dämmerung kroch unaufhaltsam über die Dächer Nürnbergs. Und das Mädchen grübelte und grübelte.

Warum ist Noris heute so geheimnisvoll? Was bezweckt er damit? Und was meint er? Auch ich rase! Nicht nur er. Was meint er damit? Natürlich, ich rase gedanklich. Genau wie Noris. Ich denke nach, ich bin sowas von am Nachdenken. Mit voller Geschwindigkeit. Full Speed-Nachdenken. Deshalb rase ich. Eine Full-Speed-Nachdenkerin bin ich! So rase ich! Sehr gut. Das habe ich entschlüsselt. Aber da ist noch mehr. So hat er es gesagt. Es ist noch viel mehr. Was denn noch mehr? Und ich soll es sehen. Also ist es nicht nur das Nachdenken! Ich muss es auch sehen. Und er sieht es auch. Was sieht er denn? Wie hat er es gesagt? Alles überlagert sich! Was meint er damit?

Das Mädchen grübelte und grübelte. Dabei schaute es nach draußen. Das Dämmerlicht legte sich wie eine Decke über die Stadt.

»Siehst du die Fliege?«, fragte Noris leise.

»Ja«, flüsterte das Mädchen.

»Dann siehst du es auch.«

»Was?«

»Dass sich alles überlagert!«

Und dann geschah es tatsächlich, das Unerwartete. Alles überlagerte sich. Aber wirklich alles! Das Mädchen sah die Fliege und sie sah gleichzeitig die Spiegelung ihres Gesichts und wiederum gleichzeitig sah sie das Geschehen hinter ihr und sie sah auch das Geschehen vor ihr. Ihr Blick verdoppelte, verdreifachte und vervierfachte sich. Sie sah ihr Gesicht und ihren Rucksack auf ihrem Schoß, sie sah die Spiegelung der Stadt hinter ihr, die Dächer, Häuser und Mauern im Dämmerlicht, sie sah die alte Dame hinter ihr in der Tram, und sie sah durch die Fensterscheibe hindurch, die Fahrräder, Fußgänger, Bäume und Autos. Alles überlagerte sich. Es war ein Mehrfachblick und dieser ließ alles möglich werden. Ja, wirklich alles. Fahrräder schwebten, mit blinkenden Lichtern flogen sie neben der Stadtmauer. Ein alter Baum stand für einen kurzen Augenblick auf dem Dach eines Bürogebäudes. Die alte Dame hinter ihr flog sitzend über die Autos im Berufsverkehr. Und das staunende Gesicht der jungen Nürnbergerin flog riesengroß über den Dächern der Autos. Je näher sie mit ihrem Gesicht an die Fensterscheibe ging, desto riesiger schwebte es draußen durch die Dämmerung, über Autos, durch Bäume und Häuser hindurch. Alles war möglich. Sie konnte fliegen. Wie Noris konnte sie durch ihre Stadt fliegen. Und in diesen spektakulären Mehrfachspiegelungen in der Dämmerung Nürnbergs, als das Mädchen mit dem hippen Retrorucksack staunend beobachtete wie sich alles eindrucksvoll überlagerte, saß die Stubenfliege völlig unbeeindruckt auf der Fensterscheibe und kratzte genügsam ihre Flügel.

»Da passiert so viel. Siehst du das?« Noris blickte sie stolz an.

»Ja«, sagte sie begeistert und lächelte.

»Alles ist möglich«, sagte Noris, »sogar die Gesetze der Natur sind ausgehebelt.«

»Deshalb sitzt du immer hier.«

»So bekomme ich die besten Ideen. Wenn alles möglich ist, denke ich am besten über mein Nürnberg nach.«

»Und woran denkst du genau?«

»An die Zukunft.«

Das Mädchen mit dem Retrorucksack beobachtete die Spiegelung der älteren Dame. Sie bewegte sich langsam auf die Tür zu. Und gleichzeitig flog sie superschnell über die vielen Dächer der Autos im Berufsverkehr. Der jungen Nürnbergerin schoss ein Gedanke durch den Kopf. Was wäre, wenn alles andersherum wäre? Wenn die Fußgänger schnell über die Straßen sausen würden? Und die Autos führen langsam auf dem Gehweg daneben? Das wäre lustig. Eine neue Revolution. Eine Andersherum-Revolution. Die Autos langsam, die Fußgänger schnell.

»Warum lachst du?«, fragte Noris.

»Ich habe gerade eine lustige Vorstellung. Die Autos sind geschrumpft, so klein, dass sie auf den kleinen Gehsteig passen und dort ihren Stau haben. So wie Spielzeugautos. Und wir Fußgänger sind doppelt oder dreifach so groß. Wir sind Riesen! Und wir gehen stolz über die große, breite Straße. Mit riesigen Schritten. Das wäre lustig.«

»Eine tolle Vorstellung.«

»Danke«, sagte das Mädchen stolz.

»Jetzt verstehst du, warum ich hier immer sitze.«

Das Mädchen öffnete ihren Retrorucksack und holte ein kleines Spielzeug heraus. Es war eine kleine Figur, ein Mädchen mit roten Rollschuhen.

»Die ist für dich, Noris. Mein Vater hat sie angefertigt. Er hat eine kleine Manufaktur neu eröffnet. Er macht modernes Retrospielzeug. Und die Figur erinnert mich an uns. Ich meine an uns Fußgänger. Gerade sind wir als Fußgänger so klein. Aber wenn wir sie ganz nah ans Fenster stellen, ist die Figur größer als die Autos draußen und kann rasend schnell über ihre Dächer fliegen.«

»Danke«, sagte Noris und erinnerte sich an seine alten Rollschuhe, die in seinem Versteck irgendwo im Gestein unter der Burg sein mussten. Unbedingt musste er einmal wieder mit seinen alten Rollschuhen durch Nürnberg rasen. Das nahm er sich fest vor.

An der nächsten Haltestellte stieg das Mädchen mit dem Retrorucksack aus. Noris fuhr weiter. Und die Stubenfliege flog aus der Tür in die Nacht Nürnbergs hinein.

 

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