Noris und die zwei Kulturhauptstädte – ein Reisebericht

Die Tage hörte ich wieder von Noris. Er erzählte ganz begeistert. Begeisterung liegt ihm ohnehin nicht fern, diesmal war es jedoch besonders. Unser Nürnberger Geist war auf Reisen gewesen. Ihm wurde eine Postkarte zugeschickt und schon war er losgezischt. Und auf seiner Reise hat er Impulse des Wieder-Zusammenwachsens gesehen. Wenn Dinge und Leute zusammenkommen, dann spürt er es immer wieder, dieses leichte Kribbeln. Da passiert etwas Besonderes! Und genau so war es auch hier.

Noris Ankunft in Maribor

Noris hat zwei Städte besucht. Sie waren beide Kulturhauptstädte in den letzten Jahren gewesen. Und das Besondere war: die Städte liegen in der selben Region. Aber durch den Gang der Geschichte sind sie in zwei unterschiedliche Länder gelangt. Vor Ort hat Noris jedoch gleich gemerkt, wie die Verbindungen wieder stärker werden. Genau das faszinierte ihn. Sofort wollte er daran anknüpfen. Aber ich muss von vorne erzählen:

Er war gut in der Steiermark angekommen. Er hat Graz (Kulturhauptstadt Europas 2003) und Maribor (Kulturhauptstadt Europas 2012) besucht. Und sich auch ein bisschen in Slowenien umgeschaut, das im selben Jahr wie Deutschland (2025) eine Kulturhauptstadt stellen wird. Hauptsächlich wollte er entdecken, Inspiration schöpfen. Nicht, dass es in Nürnberg an Impulsen mangeln würde. Aber trotzdem findet er, dass man auch immer wieder über den Tellerrand schauen sollte. Da kam sie ihm gleich recht, diese Postkarte mit dem Hinweis auf die steierischen Kulturhauptstädte und Slowenien in 2025. Ein Bürger aus der Region hatte ihm geschrieben, aus Slowenien, aus der Kulturhauptstadt Europas 2012, Maribor.

Also dann bereiste Noris Maribor und Graz. Die jeweiligen regionalen „Haupt-Städte“ in der österreichischen und der slowenischen Steiermark. Zwei Städte, die ihm beide die selben zwei Themen ganz besonders stark präsentiert haben.

Durch die Straßen Maribors schlendert Noris und lässt sich inspirieren

Zunächst einmal die Verbindung des Bestehenden mit dem Neuen: kurz nach der Ankunft in Maribor sah er eine Skulptur. Wenn er ehrlich sein sollte, sie wirkte auf ihn etwas krakenhaft. Aber sie war irgendwie spannend. Sie steht vor einem altehrwürdigen und etwas aus der Zeit gefallenen Gebäude, das er später als das örtliche Schloss identifizierte. Sie fügt sich gut ein, er kann sich aber auch vorstellen, wie aufgebrachte Bürger über die „Verschandelung“ des Platzes sprechen. Er denkt an Ruhr 2010, wo Industriekultur eine starke Basis für die Kulturhauptstadt Essen bildete (die sicherlich auch ehemals als „Verschandelung“ wahrgenommen wurde). Er findet die Interaktion zwischen den Alten und dem Neuen sehr spannend: wie die Menschen auf Veränderung reagieren, wie die Dynamik der Stadt sich durch solche eingriffe verändert. Genau diese Dynamik hat er auch später in Graz an der Murinsel entdeckt. Diese künstliche Insel im Fluss, sie ist für die Kulturhauptstadt gebaut, beiderseits über metallene Stege mit dem Ufer verbunden, Heimat für ein Café und für amphitheaterartige Sitzgelegenheiten. Die Leute gehen plötzlich über dieses Objekt, das ein wenig Fremdkörper ist, dennoch aber von den Passanten total angekommen wird, eigentlich sollte diese futuristische Kunstinsel nach dem Kulturhauptstadt-Jahr abgebaut werden, doch die Stadtbürger wollten sie behalten, so ist sie immer noch an Ort und Stelle und tagsüber für alle offen.

Alt und neu zeigt uns auch schon den Weg zum zweiten Thema, das Noris begeistert hat – nämlich die Trennung und Verbindung, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Die Steiermark durchteilt seit 1919 eine nationale Grenze zwischen Österreich und Slowenien (ehemals zu Jugoslawien). Auch sprachliche Unterschiede gibt es, denn es leben Gruppen in der Steiermark: österreichische/deutschsprachige Steirer und slowenischsprachige Štarjerci. Und dennoch, es ist eine Region, und die Bewohner*innen haben eine starke Verbindung zu ihrer Region.

Noris besucht den Chinesischen Pavillon in Graz

Wer Noris kennt, wird sich schon denken, was er jetzt tut: er beobachtet, versucht zu verstehen. Wie kam es zur Trennung der Steiermark 1919? Wie wurde die Grenze gebildet? Wissend, dass die Bevölkerung der Landesteile einen wichtigen Einfluss hatte: wie kam es, dass die Stadt Graz ihren Namen der Burg und dem slowenischen Wort „grad“, oder verniedlichend „gradec“, verdankt, also im deutschsprachigen Österreich landet und Maribor, oder auch damals von der Mehrheit der Bevölkerung Marburg an der Drau genannt, dann doch dem slowenischen Teil zugeschlagen wurde? Etliche solche Fragen möchte er besser verstehen, um sich dem zu widmen, was ihn antreibt: Wie lassen sich Verbindungen schaffen, Brüche und Wiedersprüche überwinden, Brücken bauen?

Mahnmal an das Nationalsozialistische Terrorregime. Noris weiß, dass sich auch Nürnberg mit diesem Teil seiner Geschichte auseinander setzen muss.

Was Noris jedenfalls merkt: seit der Unabhängigkeit Sloweniens von Restjugoslawien gab es schon deutliche Schritte, die Region mehr zu vereinen: etliche grenzüberschreitende Projekte lassen alte Bindungen wiederaufleben und schaffen neue. Das ist doch einmal etwas.

Als Abschluss seiner Reise saust er beim Lichtschwert in Graz vorbei und lupert in das Kindertheater „Next Liberty“ hinein.

Genau hier möchte Noris weiterdenken. Für Nürnberg sieht er gleich neue Möglichkeiten. Er wünscht sich aber vor allem, dass Ihr Euch Gedanken dazu macht und selbst Dinge umsetzt. Denn Noris fragt sich jeden Tag von Neuem: Was sollte 2025 passiert sein? Und was tun wir heute dafür?

Geschichte und Text: Baltasar Cevc und Denis Leifeld
Bildgestaltung: Peter H. Kalb

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