Noris Kapitel 1

In den Augen der Angler

Dies ist eine Geschichte, welche die Bürger Nürnbergs erzählen. Manche erzählen sie laut und voller Stolz, andere eher leise und zurückhaltend. Aber was sie beim Erzählen allesamt eint: die Nürnberger erzählen sie alle mit Begeisterung. Und das aus gutem Grund.

Vor vielen, vielen Jahren saßen drei Angler am Ufer der Pegnitz. Wie fast jeden Morgen warfen sie ihre Angeln zwischen den zwei Brücken aus. Die Morgensonne stand tief und ließ das steinerne Rund der Brücken in warmem Licht erstrahlen. Der rote Sandstein spiegelte sich auf dem träge dahinfließenden Fluss. Die drei Angler wussten von der Anziehungskraft des warmroten Farbenspiels, es lockte die Fische zahlreich zu den Brücken. Und so taten die drei Angler das, was sie fast bei jedem Morgengrauen machten – sie angelten. Dabei hörten sie im Hintergrund das Klopfen der Handwerker, das Klappern von Pferdehufen und das Rufen der Bauern vom Hauptmarkt. Doch an jenem einen Morgen vor vielen, vielen Jahren hörten sie nicht nur das Erwachen der morgendlichen Stadt, sie wurden auch Zeugen einer unglaublichen Begebenheit, die ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Wie üblich saßen die drei Angler still nebeneinander. Wie ihre Angelhaken versanken auch ihre Gedanken im träge dahin fließenden Wasser der Pegnitz. Manchmal wurden ihre Augen schwerer und schwerer bis einer einnickte, manchmal schliefen sogar zwei der Angler ein. Niemals jedoch alle drei zugleich. Immer blieb einer wach und konnte den Nebenmann mit einem harten Ellenbogenstoß schnell aus dem Reich der Träume zurückholen. Manch Händler sah dies von einer der Brücken und rief dann belustigt: »Ihr brecht euch noch die Knochen.« Dabei wirkte die Geste nur grob, in Wirklichkeit war sie ein Zeichen ihrer Kameradschaft. Sie waren nicht reich wie die Kaufleute, die wertvolle Gewürze vom fernen Mittelmeerraum anboten. Nein, sie waren nur drei einfache Angler am Ufer der Pegnitz. Um ihr kleines Geld zu verdienen, mussten sie unbedingt wach bleiben. Denn nur wache Angler fangen Fische. Und so hielten sie sich immer gegenseitig wach, mit einem kurzen und harten Stoß in die Seite. Das ist für diese Geschichte von immenser Bedeutung. Denn an jenem Morgen, an dem es passierte, waren sie alle drei hell-hellwach.

Von einem Moment auf den nächsten veränderte die Pegnitz ihre Farbe, sie war dunkelviolett, fast schwarz. Dazu wehte ein kalter Wind. Ein Strudel bildete sich direkt vor ihnen. Und unter Rauschen und Brausen tauchte ein riesiger Kopf auf, er erhob sich und stieg höher und höher, und schließlich schwebte ein baumhoher Geist weit über den Köpfen der erschrockenen Angler. Kopf und Körper gingen ineinander über und hatten die Form einer Glocke, zwei kurze Arme hatte die Gestalt und die Augen waren so dunkelviolett wie das aufgewühlte Wasser. Der Geist hatte sich mehr und mehr aufgeplustert, sein Körper war stark angeschwollen, riesige Muskeln mussten unter seinem weißen Kleid sein. Für eine Weile beobachtete er die drei Angler und grinste mit seinem übergroßen Maul. Mit einer tiefen Stimme sprach er: »Seht mich an! Ich bin der gewaltige Geist von Nürnberg. Seht mich an!« Und die drei Angler machten genau das – sie sahen ihn sprachlos an. In ihren weit aufgerissenen Augen sah der Geist sein Spiegelbild. Es war in der Tat furchteinflößend. Genau in diesem Moment, als er so riesengroß über den Köpfen der Angler schwebte, erkannte der Geist etwas ganz Wesentliches – eigentlich war er schüchtern. Ja, schüchtern.

Viele Jahre hatte er sich auf sein allererstes Erscheinen vorbereitet, er war gewachsen und gewachsen, größer und eindrucksvoller geworden. Jeden Abend stand er vor dem Spiegel und probierte unzählige böse Fratzen aus – mit zusammengekniffenen Augen, unterschiedlich weit aufgerissenen Mäulern, mal hämisch lachend, mal böse brüllend, mal mit gefletschten Zähnen wie bei einem hungrigen Wolf. Für die hässlichste aller Fratzen hatte er sich dann entschieden. Der Geist dachte, so müsse man sich zeigen. Er sei ja schließlich ein Geist. Und Geister müssten so sein. Für seinen großen Moment suchte er sich absichtlich die drei müden Angler als Publikum aus. Er dachte sich, gerade vor ihnen besonderes furchterregend zu wirken. Jahrelang hatte er sich den Moment in Gedanken ausgemalt. Wie er sich erhaben fühlen würde! Wie sie zu ihm aufschauten! Vor ihm zitterten! Wie er bedeutend wirken würde! Und alles andere um ihn herum klein und unbedeutend! Aber als sein großer Moment tatsächlich stattfand, war alles anders.

Der Geist erschrak als er sein Spiegelbild in den Augen der Angler sah. »Ich sehe aus wie ein Ungeheuer«, sagte er zu sich, »ein hässliches Monster mit lächerlich aufgeblasenen Muskeln. Was habe ich mir nur all die Jahre gedacht? Ich bin anders, nicht so.« Sein Gesicht rötete sich. So peinlich war ihm das. Seine Muskeln schlafften ab. Seine beeindruckende Statur verlor an Spannung. Der Wind ließ nun sein Gewand im Wind wehen. »Ich habe immer nur mich gesehen, in den letzten Jahren«, dachte er sich, »so viel Zeit habe ich verschwendet.« Er schwor sich, von nun an sich nicht mehr so wichtig zu nehmen. Er wolle nicht auf sich blicken, nur noch auf seine Stadt. Schließlich sei er der Geist von Nürnberg. Und so sank er genauso schnell wie er erschienen war wieder herab in die Pegnitz und ließ die drei Angler stumm zurück. Das war vor vielen, vielen Jahren.

Und heute, mehrere hundert Jahre später, schlüpft er meist unbemerkt aus seinem Versteck hervor. Es ist irgendwo im Gestein unter der Burg. Die Nürnberger erkennen ihren Geist an dem rötlichen Sandsteinhauch auf seinem Geistergewand. Er ist überhaupt nicht mehr so groß und aufgeplustert wie früher, heute wirkt er eher klein und schmächtig. Man hat den Eindruck, er besteht nur aus einem im Wind wehenden Kleid, das locker an seinem Kopf befestigt ist. Nur wenn man genau hinsieht, fällt er überhaupt auf – so unscheinbar ist der kleine Geist. Niemand hat mehr Angst vor ihm, niemand glotzt seine Geistergestalt schräg an, nein, er ist wie du und ich, und wird von allen so akzeptiert wie er nun einmal ist: ein Geist. Nur deshalb traut er sich aus seinem versteckten Gemäuer und mischt sich unter die Menschen, geht durch die Gassen und Straßen Nürnbergs. Natürlich könnte er auch schweben oder hoch über den Köpfen aller Nürnberger fliegen – aber dafür interessiert er sich nicht mehr. Er begeistert sich für alles um ihn herum. Die großen und kleinen Dinge. Das bezeugen viele, viele Nürnberger. Ja, die Nürnberger sehen ihren Geist so oft wie schon lange nicht mehr. Sie blicken in seine neugierig brennenden Augen und lassen sich von seiner Begeisterung anstecken. Natürlich gab es auch Zeiten, in denen er sich Jahrzehnte lang versteckt hielt, so schüchtern war er. Aber heute ist das anders.

Heute sieht man ihn durch Gostenhof streifen, von einem Geschäft zum nächsten. Dort sucht er stundenlang nach ausgefallenen Postkarten. Er muss wohl eine riesige Sammlung in seinem Versteck haben. Unterwegs fotografiert er die unterschiedlichsten Sachen – alte Steine, versteckte Hinterhöfe, mit Gestrüpp überwachsene Mauern, versteckte Friedhöfe, Street-Art, neue Cafés. Oder man sieht ihn über den Unschlittplatz schlendern, vom Henkersteg zum Kettensteg, bis zur Hallerwiese, wo er sich gemütlich ins Gras legt. Wird er erkannt, blitzen seine Augen auf und er sagt so etwas wie: »Siehst du das Schattenspiel der Zweige auf dem Stein der Brücke?« Oder: »Kennst du den geheimen Platz auf der Burgmauer mit der tollen Aussicht?« Oder: »Hast du schon von der Spontan-Electro-Party heute gehört?« Ja, so etwas sagt er, wenn man ihn in der Hallerwiese trifft. Manchmal spielt er dort auch mit den Kindern am Armbrustbrunnen. Die springen dann voller Übermut im seichten Brunnenwasser und lachen laut, wenn sich sein Geisterkleid mit Wasser vollsaugt und aufplustert. Der kleine Geist sieht dann aus wie ein überdrehter Kugelfisch mit kurzen Armen. Oder in manchen Nächten sieht man ihn in Clubs tanzen. Er liebt es zu tanzen, falls die Füße schwer werden, schwebt er einfach über die Tanzfläche. Als Geist hat er es da einfacher. Oder er sitzt in einer der Kaffeeröstereien und lässt seine Gedanken im Duft der Bohnen schweben während er genüsslich einen Kakao mit aufgeschäumter Milch trinkt. Manchmal führen ihn seine Gedanken zu längst vergangenen Zeiten. Sie wirken dann so, als wären sie erst gestern gewesen. Dann beobachtet er wieder Albrecht Dürer beim Malen oder er sitzt in einer Ecke der heißen Gießwerkstatt von Veit Stoß. Der Geist liebt es in Erinnerungen zu schwelgen. Das ist auch kein Wunder, so viel hat er über die vielen hundert Jahre erlebt. Beobachtet er das Männleinlaufen an der Frauenkirche, erinnert er sich, wie er selbst dort einmal lief und es ihm schwindelig wurde. Aber das sind viele, viele andere Geschichten.

Zu dieser Geschichte gehört nur noch dies: die Nürnberger nennen ihren Geist heute ganz liebevoll Noris. Eben jenen Geist, der vor vielen, vielen Jahren vor sich selbst erschrak als er sein Spiegelbild in den Augen der drei Angler sah und heute begeistert durch seine Stadt streift. Noris – der Geist von Nürnberg.

 

2 Antworten auf „Noris Kapitel 1“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.